Jean-Claude Lin

Vom Ende her gesehen

Nr 137 | Mai 2011

Erst bebte die Erde – wie in tausend Jahren nicht. Das Wasser folgte – turmhoch und meilenweit die Welle, die ganze Städte und Landstriche zerstörte. Die Berge an Schutt und verbogenen Metallteilen wären unvorstellbar, wenn wir nicht die vielen Bilder hätten, die uns Zeitungen und Fernseher vermitteln.
Was die Naturkatastrophe in Japan am 11. März 2011 anrichtete und an menschlichem Leben zerstörte, ist schwer genug zu ertragen. Was darauf folgte in den Kernkraftwerken von Fukushima und sichtbar wurde am 12. März, als die noch heißen Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden konnten, gleicht einem nicht enden wollenden Albtraum. In der Luft nun verbreitet sich die frei gewordene Radioaktivität und verseucht Lebensmittel und Grundwasser. Ob die Kernschmelze in den Reak­toren von Fukushima verhindert werden kann, ist zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, nicht bekannt – oder zumindest nicht offiziell bestätigt worden. Dem Schmerz der Natur­katastrophe folgt das Grauen der von Menschen ermöglichten Atomkatastrophe.
Die Kernkrafttechnologie ist eine Technologie des Todes. Die in Materie eingeschlossene Energie wird freigesetzt, aber was sie durch gewalttätige Wandlung hinterlässt, ist allem Leben feindlich und muss für viele Jahrtausende «endgelagert» werden. In Schweden wird über eine solche Endlagerung von radioaktivem Abfall in einem Gebirge heiß diskutiert. Sie soll sogar für 100.000 Jahre Sicherheit bieten?!
Können wir wirklich in verantwortlicher Weise Entscheidungen und Vorkehrungen treffen, die für tausend, geschweige denn für 100.000 Jahre Geltung haben sollen? Verantwortung übernehmen heißt aber, für die Entscheidungen selbst geradestehen zu können. Die wenigsten Menschen, die heute solche weitreichende Entscheidungen treffen, glauben daran, dass sie selbst mit den Konsequenzen werden einmal leben müssen. Dafür müsste unser Verständnis des Menschen über das eine Leben weit hinausreichen. Stattdessen hängen wir unserem heutigen Vorteil nach und bürden kommenden Generationen unseren lebensgefährlichen Müll auf. Ein verantwortliches Leben mit der Erde und mit unseren Mitmenschen jetzt und in der Zukunft fühlt sich anders an. Immer mehr werden wir vom Ende her das Leben verstehen und unsere Taten ausrichten müssen.


In schwerer Zeit grüßt Sie Ihr

Jean-Claude Lin