Isabel Ment im Gespräch mit Doris Kleinau-Metzler

«Ich will mich nicht verstellen»

Nr 197 | Mai 2016

Dass Musikerinnen und Musiker aus dem Pop-Bereich, die Millionen von CDs verkaufen oder Downloads verzeichnen, auch musikalischen Sachverstand und menschliche Qualitäten haben, ließ sich bei den TV-Sendungen «The Voice of Germany 2015» von ProSieben und SAT1 verfolgen. Stefanie Kloß, Sängerin der Band «Silbermond», Rea Garvey, irischstämmiger Sänger und Gitarrist (ehemals «Reamonn»), Andreas Bourani (Sänger und Komponist des WM-Hits «Auf uns») sowie Michi und Smudo von «Die Fantastischen Vier» engagierten sich als Coaches der ausgewählten Bewerber für diese Talent-Such-Sendung. Die 20-jährige Isabel Ment bescherte (im Duett mit Norman Strauss) dieser Voice-Staffel den «magischen Moment», wie Rea Garvey die Atmosphäre des Songs «Hero» beschreibt – und erreichte mit ihrer Gitarre und ihrem an Singer-Songwriter erinnernden Stil den vierten Platz (die Gewinnerin, Jamie-Lee Kriewitz, vertritt in diesem Jahr Deutschland beim «Eurovision Song Contest» am 14. Mai in Stockholm). Isabel Ment will weiterhin mit «aller Leidenschaft Musik machen». Dafür textet, komponiert und singt sie (auch ihren Song «In Reverse», gemeinsam mit Alexander Freund) – und hört auf ihr «Bauchgefühl».

Doris Kleinau-Metzler | Liebe Isabel Ment, wie begann für Sie die Geschichte mit The Voice of Germany und welche Erfahrungen verbinden Sie damit?
Isabel Ment | Seit einigen Jahren schreibe ich hobbymäßig viel Musik und spiele sehr viel Gitarre für mich selbst, ab und zu gab es dann auch kleinere Auftritte in Bars und Clubs in Berlin. Ich habe es genossen, dort vor Publikum zu spielen, aber ich hätte es mir nicht zugetraut, es zu meinem Beruf zu machen. Ich hatte zunächst andere Pläne, Richtung Tiermedizin. Ein Freund wies mich dann darauf hin, dass in einem Hotel um die Ecke gerade Castings für The Voice of Germany (VoG) liefen, und ich habe mich ohne konkrete Vorstellung, dort etwas zu erreichen, einfach mal beworben. Am letzten Tag der Castings ging ich zum Vorsingen – und kam dann über eine Auswahlrunde in die Blind Audition.
Einerseits war es bei VoG oft lustig und wir «Talente» wurden mit viel Zuwendung und Respekt behandelt; es gab auch keine Hahnenkämpfe untereinander. Andererseits ist es ein einsames Leben in so einer großen Fernsehproduktion, weil man sich immer wieder beweisen muss. Man singt oft vor, wird ständig geprüft und interviewt, bekommt Feedback und wird kritisiert. Wir haben alle einen Crash-Kurs der Fernseh- und Musikwelt absolviert, darüber, was Entertainment bedeutet: Um Menschen zu unterhalten, wird oft versucht, etwas Typisches, das in einem Sänger oder in einer Geschichte steckt, herauszukitzeln und dann plakativ herauszustellen. In vielen Gesprächen mit den Redakteuren wurde man gefragt: Wer bist du eigentlich? Wie siehst du dich selbst? Was sind deine Stärken, deine Schwächen? Fragen, die nicht nur für jemand, der 16 ist, total schwierig sind. Ich habe mich in dieser Fernsehwelt auch oft fremd gefühlt – wie ein Paradiesvogel zwischen den vielen anderen Sängern. Viele wollten sich hier ihren Traum erfüllen, haben dafür ihren Job, ihr Studium geschmissen, ihre Familie zurückgelassen, setzten alles aufs Spiel für den großen Durchbruch als Sänger. Das hat mich sehr beeindruckt, aber auch ein bisschen erschreckt.

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Fotos: © Wolfgang Schmidt | www.wolfgang-schmidt-foto.de | Durch die Bildergalerie geht's per Klick auf die Klammern

DKM | Warum hat es Sie erschreckt? Manche würden das zielgerichtet nennen.
IM | Einige Teilnehmer waren sehr jung, gerade mal 16, und sagten ganz fest: «Das ist es! Das ist mein Lebenstraum, ich ziehe das durch, egal wie, und werde es schaffen!» Manche hatten den Traum, Star zu werden, auf der Titelseite von Zeitschriften zu stehen, jemand zu sein, über den geredet und geschrieben wird. Ich dachte: Wow, interessant, was da für eine Leidenschaft
dahintersteckt! Ich hatte das Gefühl, eine andere Motivation zu haben, sowohl musikalisch als auch menschlich. Ich konnte nur sagen, dass ich eine schöne Platte machen will. Und weil in solch einer Sendung versucht wird, einen bestimmten Typ aus dir zu machen, musste ich mich manchmal ein bisschen wehren und den Mut haben, zu sagen, was ich will ? und den Mut haben, Nein zu sagen, wenn ich mich nicht richtig repräsentiert fühlte. Natürlich gibt es auch äußere Faktoren durch den Sender, wo man sagen muss: Okay, dann müssen wir es so machen. Es gab aber Dinge, die ich nicht sagen oder tun wollte, Kleider, die ich nicht tragen wollte, Songs, die ich nicht singen wollte, oder so etwas wie eine Homestory in meiner Wohnung drehen. Mein Privatleben möchte ich privat halten. Fragen dazu sind irrelevant, haben nichts mit dem zu tun, was ich für andere anbiete: meine Musik, die ehrlich zeigt, mit was ich mich auseinandersetze, und die ich sehr gerne teile mit denen, die zuhören wollen. Und ich will mich nicht verstellen, sondern authentisch bleiben ? auch wenn es vielleicht ein bisschen langweilig vor der Kamera aussieht. Was die Musik betrifft, so möchte ich tatsächlich nur die Musik spielen, die mich berührt, mit der mich etwas verbindet und nicht irgendeine, nur weil sie gut ankommt.
Ich fühle mich jetzt frei. Es war eine gute Zeit, um zu erkennen, dass es absolut möglich ist, das zu tun, was mich bewegt. Ich glaube, dass ich das vorher nicht so klar wahrgenommen habe, auch wenn ich sehr gerne und leidenschaftlich Musik gemacht habe. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es groß genug war, um meine Leidenschaft zu sein, die trägt und mich weiterführt. Dieses Bedürfnis, gute Musik zu machen, etwas auszudrücken und damit Menschen zu berühren und mich zugleich ganz lebendig zu fühlen – das habe ich jetzt deutlicher kennengelernt. Die Er­fahrungen und die positive Resonanz bei VoG sind für mich ein Symbol: Ich will und kann dem nachgehen! Aus der Aufmerksamkeit für meine Musik entsteht für mich auch Verantwortung, die ein Ansporn ist, etwas an andere weiterzugeben.

DKM | Sich leidenschaftlich mit seiner ganzen Person für etwas einzusetzen, dieses Potenzial scheinen wir im Lauf unseres Lebens oft zu verlieren ? und suchen es dann vielleicht in Berühmt­heiten und ihren Homestorys. Sie sprachen nach Ihrem ersten öffentlichen Lied im TV, We Built This City, als Sie Stefanie Kloß als Coach auswählten, von einem «starken Bauchgefühl», das Ihnen oft hilft. Wie kann man sich das vorstellen?
IM | Dabei geht es darum, die eigene innere Stimme zu erkennen. Mein Bauchgefühl weist mich darauf hin, was für mich das Richtige ist. Es ist oft etwas zwischen Herz und Bauch, kann mit dem bewussten Nachdenken über etwas zu tun haben, taucht aber auch spontan auf. Manchmal fühlt sich etwas komisch an, und man merkt beim Hinspüren: Ach so, das ist es ? so willst du dich doch eigentlich nicht verhalten! Dieses Gefühl für mich habe ich schon lange, es ist wie eine Art Körpererfahrung: Das finde ich gut oder das ist nicht richtig. Es hat auch etwas mit dem zu tun, was in einer Zeile von In Reserve vorkommt: «… to keep my sanity». Dem vertraue ich. Und durch Sport und Dinge, die mir guttun (auf meine Ernährung achten, gut schlafen und mich entspannen), wird dieses Körpergefühl, mein Gefühl für mich, gestärkt. Auch Musik an sich ist eine Körpererfahrung. Und je mehr ich in meinem Körper bin, desto mehr kann ich auch spüren, was und wie ich künstlerisch arbeiten will, und merke, ob es stimmig für mich ist.

DKM | Auf die innere Stimme zu hören ist nicht selbstverständlich, wird oft vergessen. «Du singst, als ob die Musik für dich wie Porzellan ist», sagte Ihr Coach Stefanie Kloß zu Ihnen. Können Sie etwas damit anfangen?
IM | Ja, wenn man etwas Eigenes macht, Musik schreibt oder Musik aus einem entspringt, dann fühlt sich das manchmal an wie leicht zerbrechliches Porzellan, das man schützen will, damit es nicht kaputtgeht. Manchmal steckt auch ein bisschen Stolz und Eitelkeit dahinter, dass man seine Musik erst verstecken will ? aber auch Unsicherheit, ob sie gut genug für andere ist. Das kann sowohl gut als auch schlecht sein, denn ich bin öfter zu perfektionistisch oder zu defensiv mit meiner Musik. Andere Male ist es gut, wenn es so rein, so pur bleibt. Die Selbstreflexion und Reflexion darüber, wie ich mit mir und meiner Kreativität umgehe, hören nie auf.

DKM | Welche Erfahrungen haben Sie geprägt, und wie schauen Sie auf die Zukunft?
IM | Ich habe mit der Familie ja im Alter von 15 bis 18 Jahren in den USA gelebt. Und auch wenn die Umstände alle gut waren, habe ich mich dort erst sehr fremd gefühlt. An amerikanischen High-Schools gibt es starke soziale Strukturen mit festen Interessengruppen; ich wollte mich aber nicht gleich auf etwas fest­legen, sondern als Individuum gesehen werden. Man registriert dann, dass man anders ist als andere, fragt sich nach dem Warum und ob irgendwas falsch an einem ist. Natürlich ist das nichts Tragisches, aber schmerzhaft. Mir einzugestehen: Mir geht es nicht gut hier ? war ein großer Schritt für mich. Durch die Musik, den Chor und die Assistentz für die musikalische Leiterin der Schule habe ich aber sehr schönen Anschluss gefunden, Freunde gewonnen – und mich anerkannt gefühlt. Jetzt lebe ich in Berlin, dieser Stadt, die so viel Geschichte und Kultur hat, wo ich noch viel lernen kann, wo man den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Material für viele Songs.
Durch meine Mutter, die Sopran singt, habe ich viel Musikerfahrung aus unterschied­lichen Bereichen mitbekommen. Meine Eltern stehen ganz hinter mir, damit ich das machen kann, was mich glücklich macht und motiviert. Sie machen sich aber auch Sorgen. Im Musikgeschäft ist die Zukunft nicht einfach, aber es ist auch nicht unmöglich. Ich weiß jetzt, was ich tun muss. Wenn ich mit meiner Art, Musik zu machen, nicht weiterkomme, würde ich auch einen Schritt zurückgehen und Plan B hervorholen, nebenher arbeiten oder studieren. Ich habe dabei nichts zu verlieren. Vor allem möchte ich noch viel mehr darüber lernen, wie Musik funktioniert, warum sie Menschen anspricht – und ver­stehen, welche Stilmittel es für mich gibt.
Im Moment kratze ich an der Ober­fläche, und es gibt vieles, das ich ausprobiere. Meine Musik dann mit anderen zu teilen ist in gewisser Weise mein Dialog mit der Welt. Und die Resonanz dafür spornt mich derzeit stark an, es weiter auszuprobieren, ob die Botschaft darin, das Gefühl darin tragen kann.