Peter Lohmeyer im Gespräch mit Doris Kleinau-Metzler Vom Auto zum Fahrrad

Liebe kann vergehen … vom Auto zum Fahrrad

Nr 210 | Juni 2017

Jedes Jahr wird ein Prominenter zur fahrradfreundlichsten Persönlichkeit ernannt (von einem Projekt des Bundesministeriums für Verkehr und der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundliche Städte und Gemeinden NRW: www.der-deutsche-fahhradpreis.de).
Preisträger des Jahres 2016 wurde der Schauspieler Peter Lohmeyer, der seit Jahrzehnten begeisterter Radfahrer ist und unter anderem durch seine Rolle in «Das Wunder von Bern» bekannt wurde. In diesem bewegenden Film entwickelt sich trotz der Sturheit eines Kriegsheimkehrers mit der Fußball-Liebe eines kleinen Jungen ein überraschendes Happy End (denn die deutsche Fußballnationalmannschaft wurde 1954 Weltmeister). In anderen Lebensbereichen ist das Happy End noch nicht sichtbar: So ist die Liebe vieler Zeitgenossen zu schönen, großen oder schnellen Autos allgegenwärtig – doch unsere Gesundheit wird durch Feinstaub und Stickstoffdioxide, die mit dem Abgas der Diesel- und Benzinmotoren entstehen, gefährdet. Wie kann sich das ändern? «Liebe kann vergehen …», meint Peter Lohmeyer schmunzelnd und hat für seinen eigenen Umgang mit Mobilität praktikable Lösungen gefunden, die zur Nachahmung einladen.

Doris Kleinau-Metzler | Lieber Herr Lohmeyer, Sie sind als Schauspieler viel unterwegs, leben wochenlang an anderen Orten und in Hotels. Kommen Sie da überhaupt zum Radfahren?
Peter Lohmeyer | Ich habe Fahrräder an verschiedenen Orten stehen, außerdem gehört mir ein Klapprad. Wenn ich in Salzburg im Sommer wieder Theater spiele, den Tod im Jedermann, nehme ich wegen der hohen Berge dort mein E-Bike mit. Es gibt mittlerweile auch immer mehr Städte, in denen man am Bahnhof Fahrräder mieten kann oder in denen die Stadt sogar Räder zur Verfügung stellt wie beispielweise in Lyon.
Ich will das Auto nicht verteufeln, aber das Fahrrad ist einfach das beste Verkehrsmittel für mich – es bringt mich bei kurzen und mittleren Distanzen schnell von A nach B, ich finde schnell einen geeigneten Parkplatz, und es ist wie nebenbei noch ein hervorragendes Fitnessgerät. Meine körperliche Fitness, die ich in vielen Rollen brauche, verdanke ich nicht zuletzt meinem Radfahren. Und ich allein bestimme, wie schnell ich fahre und wie viel Kraft ich einsetze.

DKM | Aber Radfahren auch auf längeren Distanzen oder wenn das Wetter sehr schlecht ist …?
PL | Man kann auch bei Schnee Fahrrad fahren, und es gibt gute Regenkleidung. Aber ich habe noch ein Elektroauto für größere Strecken oder Transporte. Die Luftverschmutzung in unseren Städten ist zeitweise so hoch und gesundheitsbelastend, das kann man eigentlich nicht verantworten, dass es immer so weitergeht. Wir müssen umdenken! Zumindest die großen Städte müssten frei von Benzinautos sein, und nur Krankenwagen, Polizei und Taxi sollten dort noch fahren.

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Fotos: © Wolfgang Schmidt | www.wolfgang-schmidt-foto.de | Durch die Bildergalerie geht's per Klick auf die Klammern

DKM | Ein Leben ohne ein oder zwei Autos vor der Tür …
PL | … ist machbar, sicher je nach Lebensort und Lebenssituation. Vor allen Dingen hat für mich das Auto als Statussymbol ausgedient – nach dem Motto, je größer das Auto vor der Tür, möglichst noch ein SUV, umso wichtiger, moderner bin ich und zeige, dass ich mir das leisten kann. Das ist kein Denken für unsere Zukunft, kein Vorbild für die Kinder! Natürlich habe ich früher auch anders gedacht und gehandelt. Auch heute schaue ich mir noch gern einen alten Lamborghini an und habe noch den Traum, einmal die Route No. 1 in den USA mit dem Motorrad abzufahren … Aber für den Alltag ist es Teil meiner sozialen Verantwortung, kein Benzinauto zu fahren. Sicher, die Autolobby ist mächtig, Autoindustrie und Politik sind eng vernetzt. Bisher machen viele Bürger bei dieser Strategie mit, aber es liegt an uns zu sagen: «Schluss jetzt!» Auch durch unsere Kaufentscheidungen können wir andere Werte durchsetzen.

DKM | Ermunternd wäre dafür eine Verkehrspolitik, die eine erhebliche Verbesserung und Ausweitung der Fahrradwegstruktur vorantreibt, ein benutzerfreundliches und preisgünstiges öffent­liches Verkehrswesen und eine Städteplanung, die die Dominanz der Autos nicht verfestigt. Aber Autos gehören zur Selbstverständlichkeit, werden gepflegt und geliebt …
PL | (schmunzelt) Klar, aber Liebe ist vergänglich … Ich habe dafür meine Liebe zu meinem Elektroauto entdeckt. Mir ist klar, dass auch der Strom dafür produziert werden muss und dass ein Elektroauto deshalb kein Allheilmittel für die Umwelt ist, aber es ist zunächst ein Kompromiss. Meines muss ich nach 180 km auf­laden, aber mein erster Fiat 500 fuhr auch nur 160 km mit einer Tankfüllung. Bisher gibt es bei uns leider nicht alle elf Kilometer Stromtankstellen wie in Holland, sondern nur alle 110 Kilometer. Aber das wird sich weiterentwickeln, je mehr Elektroautos fahren. Außerdem: Es macht auch Spaß, jeweils zu erkunden, wo die nächste Stromtankstelle ist. – Ich untersuche bei allem, was ich kaufe, woher es kommt. Daher weiß ich, dass auch die Innenausstattung meines E-Autos (ein Nissan Leaf) aus Recyclingmaterial gefertigt ist. Hier gibt es demnach noch ein großes Entwicklungspotenzial für deutsche Hersteller, umweltfreundlichere, erschwingliche und schöne Autos für den verbleibenden Individualverkehr zu entwickeln, mit verschiedenen Antriebsmodellen. Aber das Fahrrad ist und bleibt für mich persönlich das wichtigste individuelle Verkehrsmittel.

DKM | Hat ihre Liebe zum Fahrrad auch biografische Wurzeln?
PL | Wie früher üblich, sind wir alle gern Fahrrad gefahren. Ich erinnere mich an schöne Fahrradausflüge mit meinen Eltern und meinen Geschwistern, unser Hund saß vorne im Korb bei meiner Mutter. Ein Fahrrad zu haben war für mich als Jugendlicher immens wichtig, es machte mich unabhängig. Deshalb hat es mich wahnsinnig geschmerzt, als mein erstes Fahrrad in Hagen gestohlen wurde; ich war etwa zehn Jahre alt.

DKM | Wenn wir schon bei der Familie sind. Sie stammen nicht aus einer Künstlerfamilie. Wie sind Sie zum Schauspielerberuf gekommen?
PL | Mein Vater war Pfarrer, und wir mussten oft umziehen, ich besuchte verschiedene Schulen. In der 5./6. Klasse entstand eine Theater AG am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Hagen, und ich habe gern mitgemacht, mochte es, vorne zu stehen und etwas zu erzählen. Dann sind wir wieder umgezogen, nach Stuttgart. Und in Stuttgart, am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, gab es einen besonderen Lehrer, der bei Schülern sehr beliebt war, Matthias Gnatzy. Er war eigentlich Künstler und lebte in der Nähe, in Besigheim, in einem Stadtturm. Er hatte eine Theater-Arbeitsgemeinschaft gegründet, bei der ich Mitglied wurde. In dem Stück König Enzio, einer Komödie aus dem 17. Jahrhundert, sollte ich die Hauptrolle spielen. Das Problem war, dass viel Text dazugehörte und ich zur Premiere nur ein Drittel meines Textes konnte. Die anderen zwei Drittel habe ich dann improvisiert – was dazu führte, dass die Zuschauer und Mit­schüler begeistert waren und es total lustig fanden. Nur mein Vater ging schon in der Pause, denn er dachte, die lachen mich aus. Wir konnten lange nicht darüber sprechen.
Dann sind wir nach Dortmund umgezogen, und weil ich mir Geld für ein Mofa verdienen wollte und das Zeitungsaustragen im Dortmunder Norden sich als schwierig herausstellte, habe ich einen neuen Job gesucht – und bin zufällig über eine Zeitungsanzeige auf das Kinder- und Jugendtheater in Dortmund gestoßen, die jemand für Christine Nöstlingers Wir pfeifen auf den Gurkenkönig suchten. Sie haben mich genommen, und daraus entwickelte sich so eine Art Praktikum, für mich als Schüler gut bezahlt. Ich wusste dann, was acht Stunden Proben am Theater bedeuten und was mich womöglich erwarten würde, aber mein Entschluss stand fest: Ich wollte Schauspieler werden und bin dann an die Schauspielschule Bochum gegangen. Als ich mein erstes Hörspiel machte, war auch mein Vater beeindruckt.

DKM | Sie sind damit einen anderen beruflichen Weg gegangen, als Ihre Familie erwartet hat. Wie sehen Sie selbst die Auswirkungen dieses Weges auf Ihr Denken und Handeln?
PL | Die offene Haltung jedwedem Ding gegenüber und dem, was um mich herum passiert, ist für mich wesentlich geworden, ein offenes Durch-die-Welt-Gehen und Beobachten. Wie kann ich verschiedene Charaktere spielen, wenn ich nicht auch verschiedene Menschen beobachtet habe? Das passiert oft von allein, aber am Anfang ist es eine Haltung dem Leben, der Welt gegenüber. Mittlerweile bin ich ja zudem auch eine Art öffentliche Person, und mir ist sehr bewusst, dass ich dadurch Verantwortung trage, wozu und wie ich mich zu Themen äußere.
Wenn man offen durch die Welt geht, Interesse an vielen Dinge hat und bestimmte Sachen aktiv anpackt, um etwas zu bewegen, wächst vieles zusammen. Diese Erfahrung habe ich in meinem Leben bisher gemacht. Das drückt sich beim Thema Mobilität und Fahrradfahren aus, aber auch in meiner künstlerischen Arbeit. So kann ich wirklich sagen: Ich bin unheimlich reich! Nicht im materiellen Sinne, sondern durch meine Erfahrungen und
die Möglichkeiten, die sich immer wieder aufgetan haben und hoffentlich noch lange auftun. Ich konnte in anderen Ländern arbeiten, konnte auch schreiben und malen; ich moderiere und singe. So bin ich ab Sommer wieder mit der Band Club der toten Dichter unterwegs, mit den vertonten, beeindruckenden Gedichten von Charles Bukowski. Kommen Sie doch mal hin – am besten mit dem Fahrrad ;-)