Maria A. Kafitz

Das Theaterhaus – Ort mit Nachwirkung

Nr 226 | Oktober 2018

Was für ein wunderbarer Abend! Allein ins Theater zu gehen fühlte sich im ersten Moment zwar etwas seltsam an, war im zweiten aber bereits nicht mehr von Bedeutung. Das lag vor allem an der heiteren Stimmung im Saal. Und diese wiederum hatte entscheidend mit dem Stück, dem fabelhaften hauseigenen Ensemble, der Regie und dem Bühnen- und Kostümbild zu tun. In Die deutsche Ayse von Tugsal Mogul gelang das, was Theater so unnachahmlich und nah am Zuschauenden kann: das Erschaffen einer Welt in der Welt. Wenn beide sich auch noch berühren, miteinander zu tun haben und gemeinsam zu spielen beginnen, dann trägt man mit dem Schlussapplaus das erdachte Stück, seine Inhalte und ihre Darstellung mit hinaus in die Wirklichkeit – und sie wirken nach. Noch Tage später.
Der Ort dieses «Abends mit Nach­wirkung» befindet sich seit 2003 in den ehemaligen Rheinstahlhallen im Stuttgarter Norden und trägt seit seiner Gründung vor über 33 Jahren – anfangs im Stadtteil Wangen in den Räumen einer leer stehenden Glas­fabrik beheimatet – den Namen Theaterhaus. Nicht grundlos, denn auch wenn sehr viel mehr als «nur» Theater geboten wird, ist dieses seit Anbeginn ein Herzstück des Hauses.
Das Haus selbst, eine Mischung aus rotem Ziegelstein, Stahl, Beton und Glas ist mit seinen vier Veranstaltungshallen, den zusätzlich vermietbaren Räumen und rund 350.000 Besuchern im Jahr eines der größten kulturellen Zentren seiner Art in Europa. Neben den Sälen T1–T4 beherbergt es ein vorzügliches Restaurant, Werkstätten (mit Ausbildungsplätzen u.a. im Bereich Bühnentechnik und Schneiderei), Probe- und Büroräume und ein zweistöckiges Foyer mit einer farbenprächtigen Treppe – eine kleine Verneigung vor der «Protesttreppe» im Istanbuler Stadtteil Beyoglu.
Das breite künstlerische Programm – von Klassik und Neuer Musik* bis Jazz,** Rock und Pop, von Kabarett bis Comedy, von Schauspiel bis Lesungen, von Ausstellungen bis zu Diskussionsforen – wird durch ein Sportangebot ergänzt, wofür sogar eine eigene Sporthalle zur Verfügung steht.

Alles in Bewegung halten – das scheint nicht nur für die Vielfalt des Programms zu gelten. Bewegung als künstlerischer Ausdruck, als Tanz, gehört seit einigen Jahren auch zu den Aushängeschildern des Theaterhauses. Denn seit 2007 beheimatet es die Gauthier Dance Company, deren Leiter Eric Gauthier vom charismatischen Publikumsliebling des Stuttgarter Balletts zum gefragten und nicht minder strahlenden Choreographen wurde. Durch die ausdrucksstarken, origi­nellen und immer wieder auch humorvollen Stücke hat Gauthier nicht nur den zeitge­nössischen Tanz für ein neues junges Publikum geöffnet, sondern mit dem COLOURS International Dance Festival, das auch 2019 wieder stattfinden wird, für Furore in der internationalen Tanzwelt gesorgt. Auf der Bühne als Tänzer, manchmal auch als Musiker – und zudem auch hör- und sichtbar im öffentlichen Leben: der 1977 in Montreal geborene Künstler bezieht Position. Mischt sich ein, wenn ihm soziale Schieflagen begegnen oder die politische Stimmung nach rechts zu kippen droht.
Auch dadurch passt Eric Gauthier vorzüglich ins Theaterhaus und zu jenen drei Menschen, die untrennbar mit diesem Ort verbunden sind, ohne die er schlicht nicht existieren würde. Ihre bisherigen Lebens­geschichten und ihre Erlebnisse könnten Bücher füllen. Welchen Titel sie wohl hätten? Vielleicht «Der Anstifter» – «Der Wider­ständler» – «Die Freiheitsgestalterin».
Einer der drei ist der 1937 in Breslau geborene Kabarettist, Autor und Publizist Peter Grohmann, der Baden-Württembergs erster Kriegsdienstverweigerer war und zum wichtigen Bezugspunkt der undogmatischen Linken wurde. Als Mitbegründer des legendären Stuttgarter Club Voltaire und des Bürger­projekts Die AnStifter, das alljährlich den Stuttgarter Friedenspreis verleiht, konnte man zu seinem 80. Geburtstag lesen: «Beim Anecken will er nicht nachlassen. Mindestens 100 Jahre alt muss Grohmann werden, um noch einiges von dem zu erreichen, was er sich vorgenommen hat.» Das Anregen und Anstiften war und bleibt einer der Grohmannchen Wesenszüge. «Peter war nicht nur ein talentierter Schreiber, er war sozusagen der ‹Stuttgarter Idefix›, der alles organisiert und mobilisiert hat», erzählt Werner Schretzmeier, der andere aus dem Theaterhaus-Gründungstrio.

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Fotos: © Wolfgang Schmidt | www.wolfgang-schmidt-foto.de | Durch die Bildergalerie geht's per Klick auf die Klammern

Mobilisieren und organisieren, das kann der 1944 in Schorndorf geborene Schretzmeier nicht minder meisterlich – und tut es als Leiter des Theaterhaus noch heute voll Hingabe und Weitsicht. Er gehört zu jenen Menschen, deren Lebensdaten im Pass wenig über das erlebbare Alter aussagen. Nur wenn er von den Anfängen zu erzählen beginnt, dann bemerkt man rasch, auf wie viele Erfahrungen, Veränderungen und Ereignisse er zurückblicken kann. Es sind Geschichten für mehrere Leben. Mir kommt, während wir in seinem mit Erinnerungsfotos und Plakaten geschmückten Büro sitzen und ins Plaudern übers Woher und Wohin kommen, mein eigenes «Lebensmotto» in den Sinn, passt es doch hervorragend an diesen Ort und vor allem zu Werner Schretzmeier: «Man darf an allem scheitern, außer an nicht unter­nommenen Versuchen.»
Für Schretzmeier müsste dieser Leitsatz wohl noch zwei oder fünf Ergänzungen haben, denn neben seinem Mut zum Versuch zeichnet ihn auch ein großes Verantwortungsgefühl für seine mittlerweile über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, und neben diesem Blick auf die Gemeinschaft will er vor allem noch eines: gängige Kulturklischees sprengen. «Ja, Kultur soll auch Spaß machen», findet er, «und außerdem unterschiedliche Interessen verbinden.»
Und so kann es sein, dass im T4 Theater gespielt wird und im Foyer kreischende Fans auf ein Autogramm von Conchita hoffen, während zeitgleich eine ernste und kontroverse Podiumsdiskussion über die Zukunft Europas stattfindet. Wenn das aus verschie­denen Leidenschaften und Beweggründen zu­sammengekommene Publikum sich an­schließend begegnet, am Tresen gemeinsam Wein oder Wasser trinkt und im besten Fall ins Reden kommt, dann ist das Theaterhaus das, was es für Schretzmeier sein soll: «Ein Becken, in dem unheimlich viele bunte Fische, große, kleine, ganz schnelle, ein bisschen behäbige drin rumschwimmen und wuseln. Diese Vielfalt und auch Farbigkeit geht hoffentlich auch bei den Leuten in den Kopf – ins Innere, und zwar als Inhaltsfarben. Nichts im Leben ist einseitig. Und die Kultur sollte es schon gar nicht sein.»

Paradoxerweise wurde über diese Neigung zur Vielfalt häufig die kunstseparierende Nase gerümpft. Doch das nimmt Werner Schretzmeier inzwischen mit stoischer Gelassenheit und der Gewissheit, dass ihm die Künstlerinnen und Künstler und vor allem die Besucherzahlen bis dato anderes signalisieren.
Mit jeder Programmplanung aber beginnt für den leidenschaftlichen Sportler das Spiel neu – mit einer Portion gesunder Skepsis und doch getragen von der Zuversicht, dass die Mischung auch im nächsten Jahr überzeugt. Weniger neugierig macht ihn diese stetige Herausforderung nach all der Zeit nicht. Ganz im Gegenteil. Es ist daher irgendwie passend, dass seine eigene «Bühnen­karriere» im Alter von 20 Jahren damit begann, dass er zusammen mit Peter Maiwald die Kabaretttruppe Die Widerständler gründete und neben seiner Ausbildung zum Industriekaufmann durch die Lande tourte.
Und mit diesem Beginn ist ein weiterer Anfang verbunden, denn Schretzmeier gründete 1968 in Schorndorf den noch heute bestehenden politisch-kulturellen Club Manufaktur. Hier fanden nicht nur Die Widerständler eine «Homebase» für ihre Auftritte, sondern es entstand zugleich eine erste Plattform für verschiedene Künstler unterschiedlicher Kunstrichtungen. Der Club Manufaktur und all seine illustren Gäste – von Hannes Wader und Hanns Dieter Hüsch bis Rudi Dutschke – sowie Schretzmeiers da­malige Pionierarbeit beim SDR-Fernsehen, wo er mit Bands wie Pink Floyd, Steppenwolf oder Deep Purple seine ersten Musikfilme realisierte, wären mindestens zwei eigene Geschichten wert. Die wohl schönste und prägendste aus dieser Zeit aber will noch erzählt werden, denn sie hat mit der Liebe zu tun und mit der noch fehlenden Person des Theaterhaus-Gründungstrios: Gudrun Schretzmeier.

Nach ihrer Lehre zur Bühnen- und Kostümbildnerin am Bayreuther Festspielhaus und als Assistentin von Wieland Wagner arbeitete Gudrun Schretzmeier bei Jacques Esterel in Paris in der Haute Couture. Die ganze Welt stand ihr offen. Ab 1970 folgten zahlreiche Theater-, Opern-, Tanz- sowie Film- und TV-Produktionen, für die sie Preise und Auszeichnungen erhielt. «Ich wollte immer selbstständig sein. Anders und frei. Heute hier, übermorgen dort und im nächsten Jahr irgendwo zwischen Paris, London und New York. So habe ich mir schon als Jugendliche mein Leben vorgestellt – und in manchen Momenten auch so gelebt.»
Dass es dann aber als Lebensort nicht Paris, London oder New York wurde, sondern Stuttgart, ist für sie nach anfänglicher Skepsis lange schon ohne Belang, denn «mit Werner habe ich einen Menschen kennengelernt, der die ganze Welt in seinem Kopf hat und eine Weite, die ich zum Leben und Arbeiten brauche. Wir befeuern uns ständig – privat und bei den gemeinsamen Theaterprojekten. Das ist wohl eines unserer Geheimnisse.»
Kein Geheimnis ist, dass ohne Gudrun Schretzmeier das Theaterhaus wohl nicht Wirklichkeit geworden wäre. Denn da sie anfangs mit ihren Aufträgen und Produktionen das alltägliche Leben absicherte, konnte das Wagnis überhaupt eingegangen werden. Nach beinahe 50 Jahren Partnerschaft – im besten Sinne, wie beide betonen, denn sie lassen einander Freiräume und können sich dennoch aufeinander verlassen – und nach über 33 Jahren Theaterhaus haben die Schretzmeiers reichlich Gründe für ein positives Resümee. Das viel Schönere aber ist: Sie haben noch mehr gute Gründe und leidenschaftliche Lust an künftigen Projekten, mit denen sie die Welt an einem Ort zusammenbringen wollen. Und dann wirkt er nach – in uns, die wir ihn und seine Veranstaltungen besuchen können.

Stimmen aus dem Theaterhaus:
«Was ich dem Theaterhaus wünsche? Dass das, was gut ist, so bleibt, wie es ist. Dass die flache Hierarchie, die hier im Zusammenarbeiten echt gelebt wird, wo jeder gleich viel wert ist, ganz egal in welchem Bereich er oder sie arbeitet, genauso bleibt wie die Vielfalt und Qualität der Produktionen!»
Katharina Ruprecht // Maßschneiderin, zuständig für die Sparte Tanz

«Für mich war das Theaterhaus schon für die Zeit der Ausbildung ein Sechser im Lotto! Hier lernt man einfach täglich was dazu und arbeitet mit Leuten aus der ganzen Welt zusammen.»
Katja Holzwarth // ehemalige Auszubildende, nun Gesellin der Damenmaßschneiderei